Apfeltriebsucht wieder im Aufwind (11/04)

Seit August sind in vielen Apfelanlagen des Rheingrabens wieder verstärkt Triebsuchtsymptome zu beobachten. Nachdem in den letzten 3 – 4 Jahren die Phytoplasmenkrankheit mehr oder weniger latent, d.h. ohne die Ausbildung sichtbarer Symptome, vorkam, war es um die Apfeltriebsucht ruhiger geworden. Der Schein trügt jedoch! Die jetzt lokal zu beobachtenden Infektionsraten im Pfälzer Anbaugebiet liegen zum Teil über denen von 1990 und 1991 ( Krczal, Bliefernicht, 1992 ), als die Hexenbesenkrankheit zum ersten Mal verstärkt in Apfelanlagen auf den Unterlagen M9 und M 26 auftrat.

Dem Autor geht es darum, in diesem Artikel den Apfelanbauern die derzeit in der Praxis zu beobachtenden Symptome der Apfeltriebsucht zu zeigen. Nicht jeder mit Phytoplasmen befallene Baum bildet den für die Krankheit typischen Hexenbesen ( Bild 1 ) aus, der durch die vorzeitige Verzweigung einjähriger Seitentriebe zustande kommt. An mit Triebsucht befallenen Bäumen sind heuer junge hellgrüne einjährige Triebe zu beobachten, die zur Terminalen hin stark gestaucht ( kurze Internodien ) sind ( Bild 2). Die Blätter im oberen Drittel der Triebe zeigen zum Teil vergrößerte und gezahnte Nebenblätter ( Bilder 3 u. 4 ). Als Nebenblätter werden die beiden Blättchen bezeichnet, die rechts und links an der Blattstielbasis sitzen und beim Abbrechen der Laubblätter am Blattstiel hängen bleiben. Einzelne dieser sichbar befallenen und gestauchten Triebe zeigen auch eine mehr oder weniger starke rötliche bis violette Laubverfärbung ( Bild 5 ). Kleinfrüchtigkeit und eine schlechte Fruchtausfärbung sind ebenfalls ein Indiz dafür, daß die betroffenen Bäume von der Apfeltriebsucht befallen sein können. Man findet die beschriebenen Symptome heuer in der Pfalz vorallem an den Sorten Golden Delicious, Jonagold, Elstar und Rubinette.

Weshalb die Apfeltriebsucht gerade in diesem Jahr wieder massiv zum Vorschein kam, könnte mit der Witterung im Frühjahr zusammenhängen, setzt man voraus, daß die für die Jahreszeit außergewöhnlich lang anhaltenden hohen Temperaturen verbunden mit Niederschlag und einem folglich starken Triebzuwachs zu einer starken Vermehrung des Phytoplasmas in den latent befallenen Bäumen geführt hat.

Die Obstbaupraxis fordert verständlicherweise eine vernünftige und erfolgreiche Strategie zur Bekämpfung der Apfeltriebsucht. Da die Frage nach den Übertragungsmöglichkeiten der Phytoplasmen noch nicht abschließend geklärt ist, ist es umso wichtiger, jetzt umgehend vor der beginnenden Herbstverfärbung der Blätter die Apfelanlagen auf sichtbar befallene Bäume zu kontrollieren und diese sofort zu roden. Hexenbesen und vergrößerte Nebenblätter sind ein eindeutiges Indiz für Triebsuchtbefall. Nur rotlaubige bzw. kleinfrüchtige Bäume ohne diese eindeutigen Symptome sind zu markieren und weiter zu beobachten. Da eine Übertragung der Apfeltriebsucht durch Wurzelverwachsungen möglich ist – dies erklärt den oft nur herdweisen Befall direkt benachbarter Bäume in einer Parzelle – sollten durch Rodungen entstandene Fehlstellen frühestens nach einem Jahr wieder mit Apfelbäumen bepflanzt werden.

Im Zusammenhang mit der Übertragung der Phytoplasmenkrankheit werden auch tierische Vektoren diskutiert. In Frage kommen jedoch nur solche Insekten, die die Phloemzellen der Bäume besaugen, d.h. verschiedene Zikadenarten und Blattsauger ( Psylliden ). Daß die Ligusterzikade Fieberiella florii das Phytoplasma übertragen kann, konnte Krczal et al. in 1988 in einem Fall nachweisen. Weitere Übertragungsversuche mit F. florii verliefen in den folgenden Jahren jedoch negativ. D.h. es ist die Frage zu stellen, ob Fieberiella florii alleine für die massive Ausbreitung der Triebsuchtkrankheit in den 90 iger Jahren verantwortlich sein kann oder ob weitere noch nicht bekannte Vektoren eine Rolle spielen?

Am Institut für Obst- und Weinbau in San Michele, Trentino, wurden seit 1997 erfolgreiche Übertragungsversuche mit Blattsaugern ( Psylla costalis, Psylla melanoneura ) durchgeführt ( Branz et al., 2000 ). Infizierte Blattsauger konnten tatsächlich die Krankheit auf gesunde Bäume übertragen. Seit 1999 werden in San Michele nunmehr nähere Untersuchungen zum Thema ‚Psylliden‘ durchgeführt ( Artenspektrum, Lebensweise etc. ). Für eine erfolgreiche Bekämpfungsstrategie sind solche Informationen von größtem Nutzen. Eine zentrale Bedeutung haben hierbei die Fragen: Zu welchem Zeitpunkt während der Vegetation ist die Übertragungsgefahr durch Psylliden am größten? Korreliert das Vorkommen adulter Blattsauger mit der höchsten Besiedlungsdichte der Phytoplasmen im Phloem?

In Deutschland ist zumindest Psylla costalis ( Sommerapfelblattsauger ) bekannt, in ungespritzten Anlagen konnte man diese Blattsaugerart zusammen mit Psylla mali ( Frühjahrsapfelblattsauger ) schon früher durch Klopfproben nachweisen. Ob der Braune Birnblattsauger Psylla melanoneura in Pfälzer Apfelanlagen auftritt, wäre noch abzuklären.

Inwieweit in der Pfalz in mit Triebsucht befallenen Erwerbsanlagen Psylliden als mögliche Überträger überhaupt eine Rolle spielen, soll ab dem kommenden Jahr an der Staatlichen Lehr- und Forschungsanstalt in Neustadt am Zentrum ‚Grüne Gentechnik‘ im Rahmen eines Projektes untersucht werden.

Uwe Harzer
SLFA Neustadt


Literatur:

Bliefernicht, K. und Krczal, G. Untersuchungen zum Auftreten der Apfeltriebsucht in konventionell
und integriert bewirtschafteten Anlagen in Rheinland-Pfalz und zur Bedeutung ihres Vektors, der
Zikade Fieberiella florii. Diplomarbeit, 1992

Branz, A., Vindimian, E., Tomasi F. Gli scopazzi del melo nelle Valli del Noce – nuove acquisizioni: dati di campagna e di laboratorio. La frutticoltura delle Valli del Noce, 16. Febr. 2000

Krczal G., Krczal H. und Kunze L. Fieberiella florii, a vektor of apple profileration agent. Acta Horticulturae, Fruit Tree Virus Diseases, 235, 99 - 106


Bilderläuterungen:



Bild 1: Markantes Symptom der Krankheit: Hexenbesen, hier an
der Sorte ‚Rubinette‘



Bild 2: Junge im terminalen Bereich gestauchte hellgrüne Triebe
an Elstar



Bild 3: Vergrößerte und gezahnte Nebenblätter als eindeutiges Symptom
der Triebsucht



Bild 4: links im Hintergrund: normal aus-
gebildete kleine Nebenblätter eines gesunden
dunkelgrünen
Blattes, rechts im Vordergrund zum
Vergleich: ein krankes helles Blatt mit deutlich
vergrößerten Nebenblättern


Bild 5: Beginnende Rotverfärbung des Laubes
an Elstar





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