Umveredeln von Obstgehölzen

Welcher Obstliebhaber kennt das Problem nicht auch: da kauft man einen Baum mit einer bestimmten Sorte, pflanzt ihn, hegt und pflegt ihn, und nach den ersten Erträgen stellt man fest, dass die Sorte doch nicht so toll ist, weil die Früchte zu groß/zu klein, zu sauer/zu süß oder auf eine andere Weise nicht den Erwartungen entsprechen. Was soll man tun? Den Baum gänzlich herausreißen, und das nach der vielen Arbeit und Pflege, die man investiert hat? Da blutet einem doch das Herz, denkt der Gärtner, das wäre einfach zu schade. Gibt es denn keine andere Lösung? Doch, die gibt es: man kann den Baum umveredeln mit einer altbekannten Veredlungsmethode: dem sogenannten „Pfropfen hinter die Rinde“. Diese Methode kann im Einzelfall sowohl für den Erwerbsobstbauer als auch für den Obstliebhaber interessant sein. Letzterer kann die Methode auch nutzen, zwei oder mehr Sorten auf einen Baum zu veredeln (Mehrsortenbaum) um beispielsweise den Erntezeitraum einer Obstart zu verlängern.

Das verbesserte Rindenpfropfen

Der günstige Zeitpunkt zum Pfropfen ist Ende April bis Mitte Mai, wenn die Gehölze schon im Saft stehen und die Rinde löst. An Werkzeugen benötigt man ein scharfes Kopuliermesser, eine Säge zum abwerfen der alten Krone, eine Baumschere, Bast zum Verbinden sowie zu guter letzt einen geeigneten, kalt streichbaren Baumwachs zum Verschließen. Die Edelreiser sollen gut ausgereift, nicht ausgetrocknet und günstigstenfalls im Zeitraum der Winterruhe (Dezember/Januar) geschnitten worden sein. Am Besten lagert man sie in feuchtem Sand oder Torf an einem kühlen, aber frostfreien Ort. Die Erfahrung hat gezeigt, dass ein Reiserschnitt in der angegebenen Zeit bessere Anwachsergebnisse bringt als wenn die Reiser später geschnitten werden.

Arbeitsschritte:
  • Vorbereiten des Baumes: Abwerfen der Krone und Seitenäste bis auf einen sog. „Zugast“. Dieser sollte so lange am Baum verbleiben, bis die Edelreiser richtig angewachsen sind. Gewöhnlich kann man diesen in der Mitte der Vegetationsphase entfernen (1).
  • Anschliessend sollte der Sägerand mit der Hippe geglättet werden, eventuell vorhandene Sägespäne entfernen (2).
  • Ansetzen des Kopuliermessers: Nun wird das Messer senkrecht an die Rinde angelegt (3/4 bis ganze Messerlänge) und fest eingedrückt. Jetzt wird die Rinde auf der linken Seite gelöst und leicht nach außen gedrückt. Im Gegensatz zum einfachen Rindenpfropfen, bei dem beide Rindenflügel gelöst werden müssen, wird beim verbesserten Rindenpfropfen nur eine Seite gelöst (3).
  • Vorbereiten des Edelreiseses: Die untersten Augen werden, da sie oft schlecht ausgebildet sind, weggeschnitten. Dann wird ein Kopulierschnitt durchgeführt, der etwa 3-4 cm lang sein sollte. Um das verbesserte Rindenpfropfen durchzuführen wird das Reis an der rechten Seite mit einem Zusatzschnitt versehen (Bild 3) und mit der angeschnittenen Seite an den noch festen Rindenflügel eingeschoben. Als Faustregel gilt hier, dass der Halbmond des Kopulierschnittes noch zu sehen sein sollte. Dabei sollte man darauf zu achten, die Schnittstelle nicht zu berühren. Als günstig hat sich erwiesen, wenn etwa 3-4 Augen des Edelreises stehen bleiben, der Rest wird abgeschnitten (4).
  • Verbinden: Verbunden wird mit Bast, möglich sind auch Gummibänder oder Schnur. Achten Sie beim Verbinden darauf, das Reis gegen den festen (ungelösten) Rindenflügel durch die entsprechende Binderichtung zu drücken. Gebunden wird immer von oben nach unten, damit das Reis nicht herausgedrückt wird. Zum Schluss mit dem Bastende eine doppelte Schleife machen und nach unten festziehen.Tipp: Zur besseren Fixierung kann das reis auch mit einem großen Tacker "festgetackert" werden (5)!
  • Nach dem verbinden wird der komplette Verband sowie alle Schnittstellen sorgfältig mit Baumwachs verstrichen (6).
1. Abwerfen der Bäume
2. Glätten des Sägerandes mit einer Hippe
3. Schnitt an der Unterlage zum Lösen der Rinde
4. Schnitt Reis (Kopulationsschnitt)
5. verbinden mit Bast
6. Verstreichen mit Baumwachs







Fotos: © DLR

Fazit:

Das Umveredeln mit Hilfe des verbesserten Rindenpfropfens ist im Einzelfall eine gute Möglichkeit, die Sorte zu wechseln, aber gleichzeitig die Unterlage und Teile des Gerüstes weiter zu nutzen. Voraussetzung ist natürlich, dass diese gesund und frei von Krankheiten sind. Darüber hinaus kann man die Methode auch nutzen, um gleichzeitig mehrere Sorten auf einen Baum zu veredeln oder wenn z. B. eine Befruchtersorte fehlt. Grundsätzlich kann man das Rindenpfropfen bei allen Baumobstarten anwenden. Sind die Bäume jedoch zu alt (> 10 Jahre), verletzt oder durch Krankheiten geschädigt, sollte auf jeden Fall gerodet und wieder neu gepflanzt werden.


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